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Die Saiten der Saz in Deutschland

Aus dem Buch „Fremde Heimat“ - 1998

Nedim Hazar, Metin Türköz, Alessandro Palmitessa - Volksbühne am Rudolfplatz, Köln, 2019.
Foto: Hakan Güzey

Die Saiten der Saz in Deutschland

Aus dem Buch:

„Fremde Heimat“ -
Eine Geschichte der Einwanderung

Herausgeber: Ruhrland Museum Essen, DOMIT (*) - 1998

(*) DOMIT is Vorgänger von DOMID:
Das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V.

Metin beklagte sich über alles und jedes. Wir besuchten ihn im Januar, um eine Fernsehsendung zum Thema „Was macht eigentlich Metin Türköz, der erste türkische Volkssänger in Deutschland?“ zu machen.

Familie Türköz lebt jetzt in einem der schönen Kölner Stadtteile in der Nähe des Rheins; sie bereiten sich auf den Ruhestand vor, die Tochter ist erwachsen und Soziologin geworden und hat einigen Einfluß in der Kulturszene der türkischen Migranten in Köln. Frau İnci ist geistreich wie immer, und Metin übertrifft sie noch: „Früher wollten wir mit unseren Liedern die Seelen der Menschen erreichen, aber das gelang uns nicht; nun wollen wir wenigstens ihre Mägen ansprechen.“

Als die Satellitenschüssel aufkam,
war’s aus mit dem wahren Heldentum

Türköz war 1962 als Arbeiter für die Fordwerke nach Deutschland gekommen und hatte in den 60er und 70er Jahren 13 Kassetten und 72 Singles aufgenommen und einigen Ruhm als „Stimme der türkischen Arbeiter in Deutschland“ erlangt. Später dann wurde es still um ihn, er betrieb zunächst einen Obst- und Gemüseladen, dann versuchte er es mit einem Imbiß. Seit den 90er Jahren nun arbeitet er in einem türkischen Supermarkt als „Metzger mit Diplom“ wie er sich nennt. Denen, die immer sagen, „als das Gewehr erfunden wurde, war’s aus mit dem wahren Heldentum“, mögen die Ohren klingeln, wenn Metin sich beklagt: „Erst kamen die Videos, dann die Satellitenschüsseln - und vorbei war es für uns Aşık’s (Volksbarden). Davon schon mal ganz abgesehen, man weiß ja gar nicht mehr, was man anschauen soll.“ Und damit brachte er die vielleicht wichtigste Tatsache unserer Tage zur Sprache - die Globalisierung… aber eben die Globalisierung nach türkischer Art.

Die in Deutschland lebenden Türken nutzen die neuen Technologien dazu, sich wiederum zur Heimat hinzuwenden, und nicht nach Europa. Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, die Dimension des musikalisch-kulturellen wie des sozialen Lebens der türkischen Migranten entspricht dem Durchmesser und der Empfangsstärke ihrer Satellitenschüsseln auf dem Dach. Kulturelle Bedürfnisse werden über die Türkei befriedigt. In anderen Ländern mit Immigrationserfahrung ist das jedoch anders. Im Nachbarland Frankreich führte vor einigen Monaten der algerische Popsänger Khaled die Charts an - die französischen Charts wohlgemerkt! Ähnlich erfolgreich waren vor ihm der Afrikaner Salif Keita und noch früher More Kante. Die französischen Produzenten sind sich des arabischen und afrikanischen Verbraucherpotentials in ihrem Lande bewußt. Sie überlassen die Befriedigung der musikalischen Bedürfnisse der Migranten nicht den Schwarzhändlern, die sich in Paris in Vierteln wie Barbés konzentrieren. Ja sie haben sogar Veränderungen im Musikgeschmack der „weißen“ einheimischen Bevölkerung festgestellt und ändern dementsprechend ihre Marktkonzepte. Die heute in Paris produzierte Menge arabischer Musik übertrifft mit Sicherheit die Dimensionen in Unkapanı, dem Zentrum der Musikindustrie in Istanbul. Auch in England sieht es ähnlich aus. Der „Bangra-Beat“, in der Thatcher-Ära aufgekommen, hat sich ausgebreitet und ist längst nicht mehr nur ein Nebenprodukt der indischen Filme mit ihren vielen “Huch„s und „Hach“s. Nachdem indische und pakistanische Jugendgruppen wie „Asian Dub Foundation“ und „Fun-Da-Mental“, die Protest-Rap und Hiphop spielen, die Independent-Listen anführten, heißt heute der neueste Super-Popstar in London Tjinder Singh.

Fatih Cevikkollu, Metin Türköz
Fatih Çevikkollu und Metin Türköz, Volksbühne Köln, 2019 - Foto: Hakan Güzey

Und in Deutschland? Hier aufgewachsene Jugendliche haben beachtliche Erfolge in der Türkei: Tarkan wuchs in Frankfurt auf, Rafet El Roman ist ein echter Darmstädter. Aber Deutschland bleibt unverändert die immer gleiche „bittere Heimat“.

Unsere mehr als 35jährige Anwesenheit fand und findet - mit einigen wenigen Ausnahmen - keinerlei Niederschlag in der Musik. Die in Deutschland von Türken produzierte Musik findet keinen Eingang in den allgemeinen Markt. Ja man muß sogar von einem zweiten, parallel existierenden Markt hier sprechen. Die Gruppe Cartel, unser „nationaler Stolz“, hatte wohl Verkaufsrekorde in der Türkei, in Deutschland aber wurden gerade mal 20.000 CDs verkauft. Deutsche Produzenten erklären, sie könnten mit den CD-Preisen der türkischen Exportläden nicht mithalten. Und tatsächlich bekommt man eine CD von Sezen Aksu in Köln bei Saturn für 30 Mark und auf der Weidengasse für 12 bis 15 Mark. Die deutschen Radiomacher führen an, türkische Musik klinge unangenehm für deutsche Ohren, die befremdlichen Töne könnten zum Beispiel beim Autofahren zu Konzentrationsstörungen führen. Nun, sollen sie weiter klagen. Aber meiner Meinung nach sind die Gründe für den Mangel an gegenseitiger Beeinflussung, und nicht nur im Bereich der Musik, sondern auch in den anderen kulturellen Bereichen, im Prozeß der Verarbeitung des Phänomens der Migration durch die Türken aber ganz besonders auch durch die Deutschen zu suchen. Die Deutschen haben keine koloniale Vergangenheit. Ja, es ist sicher nicht falsch zu sagen, die Deutschen haben keine sehr erfolgreiche Geschichte hinsichtlich der Beziehungen zu anderen Kulturen.

Die „Heim-Abende“

Was der Knoblauch für die deutsche Nase, das war anfangs die Saz fürs deutsche Ohr: ein Phänomen für das selbst das Wort „fremd“ keine ausreichende Beschreibung wäre. Heute wissen wir, daß der Kulturschock viel mehr die Einheimischen getroffen hat, als diejenigen, denen noch der anatolische Staub an den Fußsohlen haftete.

Die Deutschen hatten infolge des gerade beginnenden Wirtschaftswunders soviel „Mut“ gefunden, bis zu den Küsten Italiens zu reisen, ja sie schafften es sogar, die „Caprifischer“ zu mögen. Die „merkwürdigen“ Töne jedoch, die - besonders am Wochenende - aus den Fenstern der Gastarbeiterheime bis in ihre Schlafzimmer drangen, überstiegen die damaligen Toleranzgrenzen. Und schließlich war in den abgeschlossenen Arbeitsverträgen nicht die Rede gewesen von irgendwelchen kulturellen Bedürfnissen derjenigen, die da kamen. Die „Heim-Abende“ waren also nicht abgemacht, es war nicht abgemacht, daß die Arbeiter abends die Lieder sangen, die sie mit hierher gebracht hatten. Die Freiheit, das Heimweh ein wenig zu stillen, endete für die türkischen Gastarbeiter in Deutschland spätestens abends um 22.00 Uhr.

„Am Anfang hatten unsere Leute doch gar nichts, woran sie sich festhalten konnten,“ erzählt Metin Türköz aus Kayseri, als er uns seine Entwicklung zum Aşık in Deutschland schildert. „Es gab kein Radio, keine Tonbänder, keine Kassetten. Jeder sehnte sich nach Musik. Nun, ich konnte ein bißchen Bağlama (Langhalslaute) spielen. So floß alles, was wir erlebten, Schönes wie Bitteres, in die Saiten der Saz und in unsere Lieder… Eigentlich wurde ich zum Aşık, als wir das erste Mal den Republikfeiertag in Deutschland feierten. Gerade war die erste türkische Gemeinde gegründet worden, unser damaliger Konsul hatte uns alle zu einer Feier eingeladen. Als ich mit der Saz in der Hand den Saal betrat, sagte jemand: ‚Ah, da kommt ja auch unser Aşık‘.“ So also wurde Metin Türköz zum Volkssänger. Bei der erwähnten Feier soll er auch zum ersten Mal seine bekannte „Deutschland-Ballade“ gesungen haben.

In Sirkeci gaben sie mir einen Vertag
Du wirst in Deutschland arbeiten sagten sie
Ein Paket, eine Fahrkarte und los sagten sie
In München gab es Gekochtes vom Schwein.

Deutschland, Deutschland
Du findest keinen Arbeiter wie den türkischen
Deutschland, Deutschland
du findest keinen Dümmeren als den Türken

Später folgten Stücke wie „Schuld ist nur der Dolmetscher“, „Zimba im Karneval“ oder das halb in Türkisch, halb in Deutsch gesungene „Meistero“. Die überwiegend ironischen Stücke von Metin Türköz wurden schnell in ganz Deutschland bekannt. Konzerte und Studioaufnahmen folgten. Schließlich kündigte Türköz seine Stelle bei Ford, wo er fünf Jahre gearbeitet hatte, und gab sich ganz der Musik hin. Auf Initiative des inzwischen verstorbenen Journalisten Örsan Öymen wurde Türköz oftmals in die neu eingerichtete türkischsprachige Radiosendung und in die Vorgängerprogramme von „Babylon“ im Fernsehen eingeladen. Später wurde er zum zweitbest verkauften Künstler bei der von Yilmaz Asöcal gegründeten Plattenfirma Türküola. Die meistverkaufte Künstlerin bei Türküola war Yüksel Özkasap, „die Nachtigall von Köln“.

Yüksel Özkasap war ursprünglich nur für sechs Monate nach Deutschland gekommen, um ein wenig die Sprache zu lernen und ein bißchen Geld zu verdienen. Hier lernte sie Asöcal kennen und wurde so in gewissem Sinne Geburtshelferin der türkischen Schallplattenproduktion in Deutschland. Im Laufe ihres Künstlerinnenlebens nahm sie insgesamt an die 500 Stücke auf, und ihre Platten und Kassetten verkauften sich gut. Es gibt jedoch zwei wichtige Unterschiede zwischen Yüksel Özkasap und Metin Türköz: Yüksel Özkasap war außer in einem Radiokonzert noch nie aufgetreten, und sie sang, im Gegensatz zu Türköz, nicht über das Leben in Deutschland, sondern ihre Lieder handelten vom Dorf, von Trennung, Sehnsucht, liebe. Trotzdem soll hier eine Strophe aus ihrem bekanntesten Stück wiedergegeben werden. Aus Mangel an Textern und Komponisten hatte man eine Anzeige in die Zeitung gesetzt und heraus kam folgendes:

Kein Brief kein Gruß für mich Sehnsucht nach meiner Heimat Rose erfüllt mein Herz Blind von Tränen sind die Augen meiner Mutter Wie kam ich nur hierher nach Köln

Die deutsche Öffentlichkeit hatte, mit Ausnahme von ein paar Wissenschaftlern vielleicht, keine Ahnung von der Existenz von Özkasap oder Türköz.

Eko Fresh, Metin Türköz, Nedim Hazar
Eko Fresh, Metin Türköz und Nedim Hazar, Volksbühne Köln, 2019 - Foto: Hakan Güzey

Deutschland bittere Heimat

Neben den Liedern von Türköz entwickelte sich aber noch eine andere Schule unter den Aşık, wenn auch nicht zur gleichen Zeit. Wir können sie vielleicht die „Deutschland bittere Heimat“-Schule nennen. Aşık Haydar Korkmaz, Aşık Kemteri, Aşık Seyfili, Ali Sultan, Derviş Can und unzählige andere Sänger betraten die Bühnen in verschiedenen Städten Deutschlands von Ende der 60er Jahre an bis in die 90er Jahre hinein. In ihren Texten ging es um die Undankbarkeit des Lebens in der „Fremde“, die „Kälte“ Deutschlands und der Deutschen, um Fremdenfeindlichkeit und Heimweh. Hier ein Beispiel von Aşık Muzaffer:

Es regnet in Deutschland
Freundesherz ist verwundet
Das Heimweh hört nicht auf
Ach ach, zünd’ eine Zigarette an

Wer nach Deutschland kommt
bereut es und auch wer nicht kommt und bleibt
wer leidet und nicht sterben kann
verflucht das schlimme Schicksal

Zweifellos ist jedoch das Lied „Deutschland, bittere Heimat“ selbst das wichtigste und bekannteste dieser Schule. Dieses in der Schwarzmeer-Region gesungene Stück wurde, jedenfalls für eine gewisse Zeit, nahezu zu einer Art Nationalhymne für unsere Leute, die sich der Tatsache der Migration noch nicht voll bewußt waren. Dieses Stück fand sich im Repertoire einer jeden Gemeinde, eines jeden Vereins und jeden Chores. Durch die Interpretation durch Ruhi Su, Sümeyra Çakır und des Dostlar-Chores wurde „Deutschland, bittere Heimat“ auch in der sich gerade entwickelnden linken Szene populär. Vielleicht hätte Sümeyra Çakır dieses Stück noch etwas trauriger gesungen, wenn sie bei der Aufnahme gewußt hätte, daß sie Jahre später in dieser „bitteren Heimat“ sterben würde? Mag man ihre politischen Ansichten teilen oder nicht, fest steht, daß die Veranstaltungen linker Vereine, wie zum Beispiel des Berliner Arbeiterchors, dem auch Sümeyra Çakır angehörte, insbesondere nach den 70er Jahren einigen Einfluß auf die Musik der türkischen Migranten hatten. Der Berliner Chor machte 1975 durch ein Stück gegen die Änderungen im Kindergeldgesetz von sich reden: „Oy Kindergeld, Kindergeld“.

Ein Mittel gegen das Heimweh für 10 Mark

Die 70er Jahre sind einerseits geprägt vom Nachzug der Familien der Gastarbeiter nach Deutschland und andererseits von den ausgeprägten Musik-Importaktivitäten der Firmen Türküola von Asöcal, Minareci in München und Uzelli, der später in die Türkei ging und sein Unternehmen zu einer der angesehensten Firmen in Unkapanı entwickelte. Alles, was in der Türkei produziert wurde, von Ferdi Tayfur über Zeki Müren oder Bülent Ersoy bis hin zu regionalen Tanzstücken, fand sich binnen kurzer Zeit in den Regalen der türkischen Exportläden und Obst- und Gemüsehändler. Für Unkapanı wurde der Landsmann, der in der Fremde lebte und deutsches Geld in der Tasche hatte, zu einem ernstzunehmenden Faktor. An die Stelle der Stücke, die im Ausland lebende Landsleute produziert hatten, traten nun Texte über das „Leben in der Fremde“, das „Heimweh“ usw., die in der Türkei von dort lebenden Künstlern aufgenommen wurden. Unter dem Namen „Karawane in die Fremde“ begann man Konzert-Tourneen zu organisieren. Und schließlich kamen die Videos auf. So ist die Klage von Metin Türköz über das „Verschwinden des Heldentums“ zu verstehen.

Auf diese Weise wurde dann auch die deutsche Öffentlichkeit entlastet, die sich bis dahin ohnehin nicht weiter für Fragen der Kultur und der Kunst der türkischen Migranten interessiert hatte. Dies war der Beginn der kulturellen Ghettoisierung, die später durch das Aufkommen des Femsehkanals TRT-International und der per Satellitenantenne zu empfangenden anderen türkischen Fernsehprogramme noch verstärkt wurde, zwei Millionen Gebührenzahler verzichteten auf diese Weise freiwillig auf Rechte, die ihnen eigentlich durch die deutschen Radio- und Femsehanstalten hätten gewährt werden müssen.

Die Entdeckung der deutschen Sprache,
der Deutschen und der Musik jenseits der Saz

Die 80er Jahre begannen mit einem Militärputsch. Die demographische Struktur unserer in Deutschland lebenden Landsleute veränderte sich. Jetzt hörten wir von Intellektuellen, von Schriftstellern, im musikalischen Bereich von VIPs wie Cem Karaca, Selda oder Melike Demirağ. Während die meisten von ihnen bei Veranstaltungen und Aktivitäten auftraten, die ihrer Eigenschaft als politische Flüchtlinge entsprachen, ging Cem Karaca einen anderen Weg: Er sang in Deutsch. Mit einem Musical mit Stücken wie:

Komm Türke - trink deutsches Bier
Dann hist Du auch willkommen hier
Mit Prost wird Allah observiert
Und Du ein Stückchen integriert

traten Cem Karaca und seine Freunde auf. Sie servierten das Thema „die Türken“ nun auch dem deutschen Hörer. Die LP von Cem Karaca und der Gruppe „Kanaken“ wurde von einer deutschen Firma auf den Markt gebracht.

Zur gleichen Zeit brachte der von Tahsin Incirci geleitete Arbeiterchor in Berlin immer neue Künstler hervor. Özay (Fecht), die später als Schauspielerin bekannt wurde, machte mit einem Repertoire aus Kompositionen von Tahsin Incirci und Stücken von Billy Halliday in Jazzkreisen von sich reden. Auch Sema (Moritz) und ihre Gruppe Taksim, die später durch ihre Arbeit mit Giora Feidmann, Tuncel Kurtiz und anderen bekannt wurde, stammt aus diesem Chor. Heute interpretiert sie Stücke der klassischen türkischen Musik mit Jazzelementen. Der ebenfalls in Berlin lebende Adil Arslan begann in den 80er Jahren gemeinsam mit Carlo Domeniconi, einem ehemaligen Lehrbeauftragten am Istanbuler Konservatorium, alevitische Semah und Deyiş nach Art der klassischen westlichen Musik zu interpretieren und wurde so zum Vorreiter für Arif Sağ und andere, die später Ähnliches versuchten. Hier wollen wir auch das Duo „Derdiyoklar“ nicht vergessen, die in Westdeutschland lebten, aber auch in der Türkei bekannt wurden mit ihren Interpretationen alevititscher Deyiş und ironischer Lieder, die sie mit der Elektro-Saz begleiteten. Auch der in Hamburg lebende und nach Art der Liedermacher arbeitende Fuat Saka und der aus Bremen kommende Can Tufan mit seinen Pop- und Klassik-Stücken spielten eine prägende Rolle in der Musikgeschichte der in Deutschland lebenden Türken.

Bisher haben wir von der Musik der Türken gesprochen. Es ist jedoch meiner Meinung angebracht, hier auch über die Einflüsse der Migration auf die Musik der kurdischen Minderheit zu sprechen. Daß es das Verbot der kurdischen Sprache in Europa nicht gibt, entdeckten unsere kurdisch-stämmigen Landsleute gegen Ende der 70er Jahre. Ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich der in Schweden lebende, sich aber häufig in Deutschland aufhaltende Schiwan Perwer zum „Star“ der Kurden. In Berlin hörte man von dem ehemaligen Radiokünstler Nizamettin Ariç, mit anderem Namen Fêqiye Teyran, mit seinen eigenen Interpretationen kurdischer Stücke. In den 80er und 90er Jahren begannen unzählige kurdische Sänger ihre meist in Köln produzierten Kassetten in der Türkei unter der Hand zu vertreiben und unterliefen so das herrschende Sprachverbot.

Ata Canani kam als Kind nach Deutschland und verschaffte sich einen wichtigen Platz mit seinen Liedern in deutscher Sprache. Foto: Tobias Kreusler

Die Geburt der Kebap-Kultur

In der zweiten Hälfte der 80er Jahre wurde Köln zum Zentrum der Musik der in Deutschland lebenden Türken. Neben den auch heute noch bestehenden Kassettenfirmen hörte man von Künstlern wie dem Saz-Virtuosen Orhan Temur im traditionellen Bereich, Musikern wie Fehiman Uğurdemir und Sefa Pekelli, ehemaligen Mitgliedern der Gruppe von Cem Karaca, im Bereich der Rockmusik, und, in der klassischen Musik, von Komponisten und Dirigenten wie Betin Güneş. In dieser Zeit gründeten wir die Gruppe „Yannistan“ mit deutschen und türkischen Mitgliedern. Auch wir versuchten an der Tür zum allgemeinen Markt zu rütteln, die von Cem Karaca ein wenig geöffnet worden war, und traten pro Jahr in 80 bis 90 Konzerten und nahezu 25 Fernsehprogrammen auf; ja, eine der von uns produzierten Platten kam mit 20.000 verkauften Exemplaren sogar in einige regionale Pop- Charts. Doch der deutsche Markt war auch damals, genau wie heute, nicht bereit für türkische Musik und türkische Stars - auch wenn inzwischen Künstler wie Udo Lindenberg oder Herbert Grönemeyer das Thema „Türken“ behandelten. Stattdessen entdeckte die deutsche Öffentlichkeit einen neuen Topf, in dem man das kulturelle Potential der Türken und der anderen Migrantengruppen ein- schmelzen konnte: das Ausländerfest.

In jedem Ort und jeder Stadt begannen nun die Stadtverwaltungen oder „ausländerfreundliche“ Initiativen, Feste zu organisieren. Zwar gut gemeint waren diese Feste, doch der Alptraum jedes Künstlers. Schriftsteller lasen in Sälen, in denen gleichzeitig Kebap verkauft wurde; während unten Kinder spielten und herumtollten, sollte oben auf der Bühne Musik gemacht werden. Auch wir erlebten all dies und machten es zum Thema eines unserer letzten Stücke, woraufhin wir jede Menge Reaktionen erhielten:

Da laden wir uns dann die ganzen Ausländer ein
Und sagen klipp und klar: wir wollen eure Freunde sein
Wir wollen mit euch feiern, mit euch lachen, mit euch tanzen
Mit euch zusammen aufgehn in dem einen großen Ganzen
Amigos, Freunde, Arkadaş, Neger
Noch ist es nicht zu spät
Es lebe hoch und lang und gut Die Solidarität
(…)
Heinz Gerd haut seit ‚ner guten Stund
Am Conga sich die Hände wund
dazu tanzt Hannelore Anatolische Folklore
Im Hintergrund steht Anatol
Und würgt an einem Schweinebauch
Hey Joe, ich trinke auf dein schwarzes Wohl
Und auf die Juden trink ich auch
Manch einen sieht man vor der Kuttelsuppe sitzend
Vor Ekel würgend Blut und Wasser schwitzend
(…)
Komm sag zum Abschied „Güle! Güle“
Arrivederci und Auf Wiedersehn!
Der Tag mit euch war wunderschön
Macht’s gut ihr Freunde, Schwestern, Brüder!
Wenn wieder mal ein Haus abbrennt
Dann sehen wir uns wieder!

Die neue Generation und „Du bist Türke“

In den 80er Jahren begann die Musik der Schwarzafrikaner in Amerika besonders unsere in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Jugendlichen zu faszinieren. Die Schwarzen fanden zunächst mit Breakdance, später mit Rap und Hiphop einen zeitgemäßen und großstädtischen „Sound“ und brachten gleichzeitig die erlebten sozio-ökonomischen Schwierigkeiten und den Rassismus zur Sprache. So fand also die junge türkische Generation in Deutschland ihre Ausdrucksplattform in den Straßen New Yorks.

Die sofort nach der deutschen Wiedervereinigung zunehmenden fremdenfeindlichen und rassistischen Anschläge beantworteten die türkischen Jugendlichen mit Rap und Hiphop. Gerade zum Zeitpunkt der Katastrophe von Solingen machte die „Fresh-Familee“, eine Gruppe von Türken und anderen Ausländern aus den Beton-Ghettos von Ratingen von sich reden, danach kamen Erci E. in Berlin, Karakan in Nürnberg und in Kiel Crime Posse; die Gruppe „Cartel“ wird gegründet und insbesondere in der Türkei sehr bekannt. In den letzten beiden Jahren schießen in ganz Deutschland Rap-Gruppen wie Pilze aus dem Boden. „Cribb 199“ in Bremen, „TCA Microphone Mafia“ und „Shak- kah“ in Köln, „$slamic Force“ in Berlin und zuletzt die Rapperin Aziza A., das sind nur einige Namen, die ich hier aufzählen kann.

Nicht selten gibt es Diskussionen wegen des von einigen Rap-Gruppen häufig als Metapher benutzten Begriffes des „Türkentums“. Während das „Türkentum“ der hier aufgewachsenen Generation als Zeichen des Protests, als Ausdruck einer Haltung gegenüber Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung zu verstehen ist, haben die Leute von der MHP ein ganz anderes Verständnis von diesen Symbolen und warfen so einen dunklen Schatten auf die Türkei-Konzerte von „Cartel“, auf die sich die Gruppe so sorgfältig vorbereitet hatte.

Es heißt, „Cartel“ habe sich aufgelöst. Dies erzürnt am meisten die Mitglieder der Gruppe selbst. So meint Erci: Diese Gruppe, dieser Zusammenschluss von Gruppen war ein „Cartel“, war also von Anfang an nur für eine begrenzte Zeit gedacht und hatte von vornherein die Absicht, sich wieder „aufzulösen“. Die ehemaligen Mitglieder von „Cartel“ sind fleißig. Während alle Welt weiterhin Spekulationen über ihre Auflösung anstellt, haben im vergangenen Sommer sowohl Erci E. als auch Karakan eine neue CD aufgenommen. Beide Platten wurden jedoch in der Türkei veröffentlicht und - unter uns gesagt - die von Erci soll sich dort auch hervorragend verkaufen. Dabei, ist Erci ein Kind von hier. In Deutschland wird das Album „Sohbet“ lediglich in den Exportläden verkauft. So ist es also auch dem Experiment „Cartel“ nicht gelungen, in den deutschen Markt einzubrechen. Dabei wünscht man sich doch nach so vielen Jahren, nachdem so viele Stücke aufgenommen, so viele Platten produziert wurden, daß auch wir endlich unseren Khaled hätten…


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