Nicht Davor Nicht Dahinter

Konzept für ein Musiktheater-Projekt in Königswinter

Fotos: Nedim Hazar

Nicht Davor Nicht Dahinter

Konzept für ein Musiktheater-Projekt in Königswinter.

Der ehemals blühende Urlaubsort Königswinter war schon vor Corona nur noch ein Schatten seiner selbst. Ältere Königswinterer plaudern von Zeiten, als die Straßen abends nach Frittenöl und Bier rochen und die Hotelzimmer hoffnungslos ausgebucht waren. Heutzutage betreten Tagesausflügler die Stadt nur noch auf dem Durchweg zum Drachenfels. Döner, Secondhandklamotten und Möbel bieten die wenigen Läden auf der Fußgängerzone feil, falls sie nicht sowieso schon leer sind.

Politik und Verwaltung von Königswinter sind oben im prosperierenden Siebengebirge angesiedelt. So entsteht frei nach G. Wallraff das Gefühl eines „Ihr da oben, wir da unten“, als ob die Dörfer oben auf Kosten der Altstadt erblühen. Das abgehalfterte Aussehen der Altstadt trägt optisch zur Stimmungslage bei.

Vor der Pandemie gab es Dialog und Bindung unter den Altstädtern. Um die Außenstehenden nicht zu verprellen, verschwieg man gemeinsam, dass der Betreiber des Griechen ein Türke und der Besitzer der italienischen Eisdiele ein Kosovare ist. Bücher wurden bewusst bei der kurz vor der Viruskrise eröffneten lokalen Buchhandlung bestellt.

Seit den Lockerungen der Coronamaßnahmen herrscht eine gewisse Entfremdung: Bewohner des Altersheimes trauen sich nicht raus und die Gewerbetreibenden sind auf sich alleine gestellt im Kampf ums Überleben. Das mag ein gemeinsamer Nenner sein, doch besteht zugleich das Risiko einer neuen Welle an Egoismus und Distanz, dieses Mal aber nicht als Covid-19-Schutz.

Vorhang auf für „Nicht davor, nicht dahinter“. Für Königswinterer bedeutet diese aus dem kölschen Repertoire entliehene Liedzeile Zusammenhalt und Spaß. Und beide Begriffe sind Leitfaden für dieses Projekt, nicht die Heimatromantik, die mit dem Lied verbunden wird. Denn im Mittelpunkt von „Nicht davor, nicht dahinter“ stehen die Geschichten der hier lebenden Menschen. Wahre Geschichten, z.B. die des Italieners, der im historischen Lemmerz-Felgenwerk als Gastarbeiter sein Leben in Deutschland begann oder die des 86-jährigen Hobbyfotografen, der sich noch an HJ-Lager auf dem Drachenfels erinnern kann. Sie haben schon vor Covid-19 Zäsuren in ihrem Leben durchgemacht.

Freilich geht es nicht nur um die Geschichten alter Menschen. Der mongolische Teeladenbesitzer, der nur noch bei Meditationswanderungen auf dem Jakobsweg zu finden ist oder der Running Gag zwischen Winzer und türkischen Hausfrauen, die zum Kochen immer Weinblätter aus dem Weinberg klauen… Viele Geschichten auf kleinem Platz. Möglicherweise gewinnen diese in der Post-Covid-Ära eine neue Bedeutung.

Die Idee ist, diese in Form von professionell gedrehten Interviews zu sammeln, zu einem dramaturgischen Skript zu formen und als ein revueartiges Theaterstück wiederzugeben. Das Schauspiel soll mit professionellen Darstellern aus der Gegend und mit Laien, die sich selbst spielen, besetzt werden. Das Theaterstück soll Spaß machen, die Herzen aller Königswinterer ansprechen und für einen neuen, vielleicht anderen Zusammenhalt in dieser Zeitenwende plädieren. Dabei sollen die Ängste aber auch die Zukunftsvisionen der Menschen ins Rampenlicht rücken.

Ein Dokumentarfilm soll u.a. aus den Interviews, den Vorbereitungen und Aufführungen des Theaters den Eindrücken der Teilnehmer und Zuschauer bestehen und die Frage stellen: Wie sieht die „neue Normalität“ nach der Pandemie aus? Wird die Kluft zwischen „oben“ und „unten“ überwunden? Gibt es schlussendlich Gewinner und Verlierer oder entsteht ein gemeinsamer Weg der Vernunft und Solidarität?


Einzelheiten, Elemente

Interviews

Die Interviews bilden die Grundlage dieses Projekts. Die Interviewführung unterscheidet sich von der klassischen Oral History Methode. Ziel ist, den Interviewpartner seine Geschichte erzählen zu lassen, um sie für Bühne und Film aufzuarbeiten. Gesucht wird ein Bezug zum Ort Königswinter, Zäsuren im Leben und Wege zu neuen Normalitäten. Rund zwanzig Personen sollen mit einem Drehteam aufgenommen werden. Die Auswahl und Recherche findet in Zusammenarbeit mit lokalen Vereinen, Kirchen und Gruppen statt.

Theaterstück

Das Theaterstück wird in enger Zusammenarbeit mit den Interviewten von einem professionellen Autor verfasst und soll sich an klassischen dramaturgischen Regeln orientieren. Der Anspruch ist, zum Nachdenken anzuregen und die Zuschauer zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Das Schauspiel soll mit professionellen Darstellern aus der Gegend und mit Laien, die sich selbst spielen, besetzt werden. Die Zusammenarbeit mit der Theater AG der örtlichen Schule wird ersucht. Eine dezentrale Inszenierung ist vorgesehen, d.h. das Geschehen auf der Bühne soll durch kurze Interventionen von „Darstellern“ (z.B. ältere Teilnehmer), die unters Publikum gemischt an den Tischen sitzen, ergänzt werden. In allen Instanzen steht Professionalität an erster Stelle.

Musik

Natürlich hat Königswinter eine Rockband, einen Männerchor und einen Tanzclub, aber auch Ausgefallenes in Sachen Musik, wie einen vierköpfigen Chor alewitischer Frauen oder die „Akkordeongang“ dreier Brüder aus Kroatien. Sie alle stehen bereit für die Mitarbeit in dem Projekt und sollen je ein Stück aus dem eigenen Repertoire und ihre Version eines avisierten neuen Titelsongs vorführen.

Aufführungsort

Aufführungsort von „Nicht davor, nicht dahinter“ ist der Königswinterer Hof. Als Stadttheater hatte der Königswinterer Hof einstmals ein Schauspielensemble, Ballett, Chor und Orchester. Das Gebäude wurde im Krieg nicht zerstört und so zum einzigen Spielort der Region für nationale und internationale Gastspiele. Mit der Währungsreform war es aber vorbei mit dem Theaterbetrieb. „Nicht davor, nicht dahinter“ wäre nun seitdem die erste örtliche Produktion in dem Gebäude, das von einem albanischen Unternehmer der Gegend kürzlich restauriert wurde.

Film

Der Dokumentarfilm soll ästhetisch ein unabhängiges Produkt sein und die Interviews mit den Bewohnern, die Vorbereitungen und Aufführungen des Theaters und die Eindrücke der Teilnehmer und Zuschauer beinhalten. Weitere visuelle Motive sollen z.B. das traurige Antlitz der Altstadt, die Scharen an Tagesausflüglern oder die leeren Hotels bilden. Der Film soll möglichst Open Air am Rathausplatz der Altstadt uraufgeführt werden. Spätere Vorführungen mit Diskussionsveranstaltungen in Schulen, Kirchengemeinden sind vorgesehen. Kooperationsmöglichkeiten mit Sendern werden ersucht, sind aber nicht ausschlaggebend für die Realisierung. Lokal sind ein kleines Team und professionelles Equipment vorhanden.

Kultur in Königswinter

Die Stadt Königswinter hat leider kein Kulturamt. Folglich sind Künstler und Kulturschaffende auf sich alleine gestellt oder weichen in andere Städte aus. Besonders prekär ist dies für die große Anzahl an Migranten, die die Altstadt mitprägen. Kroaten, Alewiten, Italiener, Deutsche – Königswinter ist bunt. Laut offiziellen Angaben besitzen knapp 25 % der ca. 5.000 Altstadtbewohner nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Rechnet man die Eingebürgerten dazu, kommt man fast auf das Doppelte an Migranten.

Team

Der Drehbuchautor, Dokumentarfilmemacher und Musiker Nedim Hazar ist künstlerischer Leiter des Projekts. Während seiner langjährigen Tätigkeit in einem türkischen Sender hat er bereits ein ähnliches Projekt auf den Prinzeninseln bei Istanbul realisiert. Dort leben ca. 17 ethnische und religiöse Minderheiten. Hazar produzierte eine siebenteilige Dokuserie über die Frauen der Insel, im Mittelpunkt stand ebenfalls ein Theaterstück. Außerdem war er Ideengeber und Mitinitiator der Arsch-huh-Bewegung in den 90er Jahren in Köln.

Lucas Brand ist Projektkoordinator. Er hat Germanistik, Geschichte, Psychologie und Politikwissenschaften studiert und ist nach zehn Jahren Abwesenheit zurück an den Rhein gezogen. Als Projektmanager eines Cafés, Buchladens und einer kleinen Veranstaltungslocation engagiert er sich für ein aktives Kulturwesen in Königswinter.

Julia Thomzik hat Kulturwirtschaft an der Uni Duisburg/Essen studiert und übernimmt die Produktionsleitung.


Für das Theater- und Filmprojekt werden wir bei den üblichen Stellen im Land und Bund Fördermittel beantragen und hoffen außerdem auch auf die Unterstützung der Stadt.

Wir wollen in jedem Fall das Projekt realisieren. Ein Kulturverein befindet sich gerade in Gründung.


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